Gute und neue Perspektiven für Dortmund

August 19, 2009 by Klaus  
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1-portrat_sw.jpgJa Herr Sierau, der Wahlkampf neigt sich dem Ende zu. Wie ist ihre Stimmung?

Sierau: Wahlkämpfe sind ja auch Dialoge zwischen Kandidaten und Wählerinnen und Wählern und insofern lernt man in einem Wahlkampf immer sehr viel. Ich habe den Wahlkampf durchaus als Bereicherung empfunden und mein Blick auf die Stadt hat sich auch ein wenig geändert. Beeindruckend finde ich vor allem die Vielfalt der Themen, die wir im Wahlkampf zu behandeln hatten und auch die immer wieder kehrende Bereitschaft der verschiedenen Vereine und Institutionen sich mit eigenen Beiträgen am Wahlkampf zu beteiligen. Das zeigt, dass Dortmund eine recht lebendige Stadt ist.

Was sind die besonders wichtigen Themen?

Sierau: Natürlich spielt der Strukturwandel und die Schaffung von neuer Arbeit und die Weiterentwicklung unserer Wirtschaft eine zentrale Rolle, aber auch die soziale Frage wird immer wieder angesprochen. Auch die Zukunft unserer Jugend, insbesondere im Zusammenhang mit der Bildung wurde immer wieder thematisiert. Daneben scheint mir auch die Frage des Zusammenlebens verschiedener Kulturen und die Weiterentwicklung von Dortmund als eine ökologisch orientierte Stadt für viele Menschen sehr wichtig zu sein.

Welche Schwerpunkte würden sie als neuer Oberbürgermeister von Dortmund setzen?

Sierau: Nun, im Bereich von Strukturwandel, Schaffung von neuen Arbeitsplätzen haben wir Dank dem dortmund-project in den letzten Jahren weit beachtete Erfolge erzielen können. Wir müssen diesen Weg weiter beschreiten, d. h. zusätzlich auf die Gründung von jungen Unternehmen setzen, aber auch Unternehmensverlagerungen natürlich betreiben. Wir müssen Technologie und Innovation hier bei uns in Dortmund fördern, und zwar nicht nur für die IT- und Logistik-Branche oder die Mikrosystemtechnik, sondern auch für produzierendes Gewerbe im weiteren Sinne. Zusätzlich scheint mir wichtig, dass wir dem Mittelstand gezielte Entfaltungsmöglichkeiten geben und dass wir auch gemeinsam mit den Grundstückseigentümern die Flächenentwicklung so voran bringen, dass dann auch die Investitionen an den gewünschten Standorten vollzogen werden können. Wichtig ist mir, dass die städtischen Tochterunternehmen als Motor des Strukturwandels und als Kern der wirtschaftlichen Tätigkeit erhalten bleiben. Eine Privatisierung wird es mit mir nicht geben. Auch denke ich, dass wir den sozialen Arbeitsmarkt ausbauen sollten, gemeinsam mit der ARGE, hier können Programme, wie die Job-Perspektive wieder neue versicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse schaffen und vermitteln. Wir dürfen im Strukturwandel niemanden vergessen.

Sie haben schon die Zukunft der Jugend angesprochen, wo wollen Sie hier ansetzen?

Sierau: Wir brauchen Bildung von Anfang an, ohne gute Bildung und Ausbildung können wir unseren jungen Menschen keine Zukunft geben, d. h. wir müssen auch Betreuungsangebote schaffen, wir müssen im Bereich der frühkindlichen Bildung intensiver in die Betreuung gehen. Wir müssen Fragen, wie Sprachentwicklung, Ernährung, aber auch Technikbegeisterung zum Gegenstand unserer Bildung machen. Ich möchte die Ganztagsbetreuung ausweiten, trotz der schwierigen Finanzlage, denn das ist gut investiertes Geld. Ich hoffe auch auf die Bereitschaft der Wirtschaft hier im Sinne von Familienfreundlichkeit zusätzliche Einrichtungen zu schaffen und ich hoffe natürlich auf ein stärkeres Miteinander auch der Eltern mit Kindern und Lehrerinnen und Lehrern. Dazu sind die Elterncafés gute Treffpunkte, um auch Fragen der Erziehung Bildung zu erörtern und neue Konzepte zu entwickeln.

Darüber hinaus ist es in meinen Augen wichtig, das Freizeitangebot für unseren Jugendlichen einer kontinuierlichen Überprüfung zu unterziehen. Wir haben zwar sehr viele Einrichtungen, Häuser der offenen Tür und anderes, wo auch hervorragende Arbeit geleistet wird. Gleichwohl ist mein Eindruck, dass junge Menschen nicht immer in diese Einrichtungen gehen und sich deshalb auch nicht ausreichend ernst und wahrgenommen fühlen und hier scheint es mir wichtig über neue Konzepte der Beteiligung von Jugendlichen auch neue Projektideen und neue Konzepte zu entwickeln. Insofern würde ich ein Jugendforum einrichten für die gesamte Stadt. Erfreulicher Weise gibt es das ja schon in dem einen oder anderen Stadtbezirk und ich habe den Eindruck, dass sollte man für die gesamte Stadt auch einrichten.

Wir verdanken den älteren Menschen den Wiederaufbau und insofern stellt sich hier auch die Frage, was wollen Sie für diese Bevölkerungsgruppe tun?

Sierau: In der Tat, den älteren unter uns verdanken wir den Wiederaufbau nach dem Krieg und die wirtschaftliche Blüte der Stadt. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, im Rahmen des sog. Generationenvertrages auch für die Seniorinnen und Senioren in unserer Stadt Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, sie in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang einzubeziehen. Ich möchte niemanden aufs Abstellgleis geschoben sehen. Insofern ist es sicherlich wichtig, dass wir die vielfältigen Möglichkeiten im Bereich von Kultur, Freizeit und Sport erhalten und auch seniorengerecht weiterentwickeln. Ich glaube aber, dass die älteren Leute auch eine hohe Bereitschaft haben sich selbst mit ihren Fähigkeiten und Stärken einzubringen und insofern glaube ich, dass wir gut beraten sind, Mehrgenerationenprojekte zu fördern, so wie wir es im Bereich des Wohnens bereits getan haben. Ich wünsche mir auch eine Stadt der kurzen Wege, gerade für ältere Menschen muss es wohnortnahe Versorgung beim Einkaufen von Lebensmitteln geben oder auch eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Auf jeden Fall möchte ich, dass die Seniorinnen und Senioren zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung und Nachbarschaft wohnen bleiben können. Dazu gibt es aus meiner Sicht auch die Notwendigkeit, mit den Wohnungsbaugesellschaften oder mit anderen Beratungsorganisationen zusammenzuarbeiten, um das sicherzustellen.

In Dortmund leben ca. 170.000 Menschen mit einem sog. Migrationshintergrund. Es hat in der Vergangenheit verschiedene Ansätze zur Integration gegeben. Was wollen Sie als Oberbürgermeister ändern?

Sierau: Sicherlich ist die politische Teilhabe ein Schlüssel zur Integration und hier möchte ich natürlich sowohl das kommunale Wahlrecht durchsetzen, aber auch einen Integrationsrat im Rat der Stadt Dortmund einrichten, so dass die Migrantinnen und Migranten dorthin ihre Vertreter entsenden können. Darüber hinaus halte ich es für erforderlich, dass wir die Verwaltung auch für Migrantinnen und Migranten öffnen, damit die Verwaltung auch eine Dienstleistung erbringen kann, die auch für Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund ordentlich ist. Darüber hinaus unterstütze ich die Idee vom Verband der Migrantenorganisationen in Dortmund (VMDO), ein sog. Haus der Kulturen einzurichten. Hiervon verspreche ich mir auch eine bessere Präsentation der kulturellen Vielfalt in unserer Stadt und ich freue mich schon sehr auf das Fest Dortmund International der Kulturen, das am 23. August auf dem Friedensplatz stattfinden wird.

Durch den Strukturwandel werden immer wieder neue Herausforderungen, insbesondere für die Heranwachsende Generation deutlich. Schule und Bildung sind wesentliche Voraussetzungen für eine gute Zukunft. Was werden Sie tun, um das für die jungen Menschen in der Stadt sicherzustellen?

Sierau: Zunächst werde ich dem Rat vorschlagen, dass sehr umfangreiche Schulbauinvestitionsprogramm der Stadt mit jährlich 50 Mio. € + 8 Mio. für den Sporthallenneubau fortzusetzen. Wir brauchen vernünftige Orte des Lernens, dazu müssen unsere Schulen wieder hergerichtet werden und ich freue mich auch, dass das Programm in den letzten Jahren nachvollziehbare Erfolge gebracht hat. Ich werde auch die Grundreinigung wieder einführen, damit unsere Schülerinnen und Schüler die entsprechenden Klassenräume auch im vernünftigen Zustand vorfinden und eine ordentliche Lernatmosphäre herrscht. Ich werde sowohl die Ganztagsbetreuung weiter ausbauen, als auch die Selbstständigkeit der Schulen fördern, wobei mir hier wichtig ist, dass wir nicht ständig neue „Projektsäue” durchs Dorf treiben, sondern auch eine Kontinuität an den Schulen haben, die letztlich dann auch mehr Zeit für die Betreuung der Schülerinnen und Schüler durch die Lehrerinnen und Lehrer lässt. Vor allen Dingen möchte ich auch einen Beitrag dazu leisten, dass die interne Bürokratie an Schulen abgebaut wird. Wir müssen natürlich auch den Übergang von der Schule in den Beruf verbessern und vor allen Dingen auch immer wieder einen neuen Anlauf nehmen, bei denjenigen Schülerinnen und Schülern, die bisher ihren Schulabschluss noch nicht geschafft haben.

Herr Sierau, bei allem Strukturwandel gibt es natürlich nach wie vor, sie haben es selber gesagt, eine Reihe von sozialen Fragen zu bearbeiten. Wo sehen sie da die Schwerpunkte?

Sierau: Auf jeden Fall, werde ich den Aktionsplan Soziale Stadt fortsetzen. Wir haben deutschlandweit den ersten Aktionsplan auf den Weg gebracht und müssen uns natürlich in den 13 Aktionsräumen jetzt besonders aktiv mit den Fragestellungen auseinandersetzen. Ich bin sehr froh, dass dieser Aktionsplan von vielen Einzelpersonen aber auch Institutionen zur Grundlage eines gemeinsamen Bemühens gemacht worden ist. Ich bin natürlich daran interessiert, den Wohnungsmarkt sozial zu orientieren und werde deshalb auch immer eine klare Kante gegen entweder überzogene Privatisierung oder aber auch gegen unterlassene Instandhaltung und Modernisierung zeigen. Gerade in den letzten Monaten ist auf meinen Vorschlag hin, das Vorkaufsrecht für einige Siedlungen durch den Rat beschlossen worden und ich glaube schon, dass wir in Dortmund gut beraten sind, den Private-Equity-Fonds bzw. den Heuschrecken Grenzen aufzuzeigen. In den Nachbarschaften, insbesondere in den Aktionsräumen des Aktionsplans Soziale Stadt beabsichtige ich sog. Nachbarschaftsagenturen einzurichten, so dass vor Ort entsprechende Angebote für die Bürgerinnen und Bürger da sind. Ich hoffe auch, dass das Bürgerengagement gefördert werden kann und damit auch ein niederschwelliges Angebot geschaffen wird, sich in diese Prozesse einzubringen. Gemeinsam mit den Dortmunder Wohlfahrtsverbänden und Beschäftigungsinitiativen sehe ich die große Chance, dass wir die Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit gemeinsam erfolgreich gestalten können. In diesem Zusammenhang möchte ich auch deutlich machen, dass ich die Beibehaltung des Sozial Tickets befürworte, über den Preis wird sicherlich im neu gewählten Rat zu sprechen sein. Aber die Soziale Stadt Dortmund braucht in jedem Fall auch ein Sozial Ticket.

Herr Sierau, Dortmund ist eine Stadt im Grünen. Wie wollen Sie die ökologische Qualität der Stadt weiterentwickeln?

Sierau: Ja in der Tat, im Zusammenhang mit der Aufstellung des neuen Flächennutzungsplanes habe ich mich sehr dafür eingesetzt, die Grünanteile wieder zu erhöhen, was ja dann auch erfolgreich war. Wir haben heute einen Grünanteil, der weit über die immer wieder geschriebenen 50 % hinausgeht, wenn ich alleine die Grünanteile in den Wohngebieten oder auch in den Gewerbegebieten sehe. Aber es reicht nicht nur für grüne Flächenentwicklung zu kämpfen und streiten, sondern wir müssen auch die energetische Gebäudesanierung voranbringen, wir müssen alternative Energien fördern und wir müssen auch schauen, dass der Verkehr in der Stadt möglichst stadt- und umweltverträglich verläuft. Deshalb halte ich beispielsweise die Vorfahrt für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie für Radfahrerinnen und Radfahrer für sinnvoll. Hier sind wir weit gekommen und haben auch vielfältige Preise und Anerkennungen in der letzten Zeit erhalten. Diesen Weg gilt es weiterzugehen.

In der Öffentlichkeit wird doch öfter kritisiert, dass Dortmund nicht mehr so viele Sportangebote zu bieten hat. Wie sehen Sie das?

Sierau: In der Tat, wir hatten früher mehr Vereine in der Bundesliga, in verschiedenen Sportarten. Aber dennoch hat Dortmund weiterhin einen hervorragenden Ruf als Sportstadt. Dafür sprechen schon die vielfältigen Veranstaltungen, ob es Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften sind. Aber wir werden selbstverständlich daran arbeiten müssen, insbesondere den Breitensport weiter zu fördern. Dazu ist es erforderlich, dass wir unsere Sportstätten wieder in Schuss bringen und ich würde in diesem Zusammenhang auch nicht ausschließen, dass wir eine neue Dreifachsporthalle errichten, um hier den Sportvereinen auch mehr Möglichkeiten zu geben. Hier muss allerdings eine Finanzierung gefunden werden, die nicht zu Lasten der anderen Sportstätten geht. Außerdem halte die Einrichtung einer Sportstiftung für sinnvoll, denn hier gibt es die Möglichkeit insbesondere talentierte junge Menschen an den Spitzensport heranzuführen.

Im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 ist natürlich auch die Frage gestellt worden, welchen Beitrag Dortmund hier leisten wird?

Sierau: Ja, Dortmund wird natürlich zu aller erst mit dem Dortmunder U, als einer Stadt für Kunst und Kreative ihren Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2010 leisten, aber auch mit den Phönixflächen und auch mit dem Brückstraßenviertel, was ja als Musikviertel sich zunehmend profiliert, werden wir dabei sein. Die Kulturlandschaft in Dortmund ist außerordentlich vielseitig. Gleichwohl halte ich es für sinnvoll, die Stadtteilkultur stärker zu fördern und Initiativen, die sich dort aus dem bürgerschaftlichen Engagement heraus ergeben haben, zu unterstützen.

Herr Sierau, wir danken für dieses Gespräch. Glückauf.

Sierau: Ja auch von mir herzlichen Dank. Es hat Spaß gemacht.

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